Gießgefäß in Gestalt eines Zebubullen

Iran, Amlash, 1100 – 900 v. Chr.
Terrakotta, H. 24 cm

Provenienz: Privatsammlung Tokio, vor 1983

Publiziert: S. Fukai, B. Takahashi, Persiens figürliche Keramik (Kyoto, 1983), Kat.-Nr. 28, Abb. 28

 

Handgefertigter hohl gearbeiteter Stier aus dünnwandigem feingeschlämmtem orangerotem poliertem Ton. Der große Nackenbuckel kennzeichnet das Tier als Zebu (Bos taurus indicus). Der Stier besitzt einen stilisierten Körper mit einem betonten hohen und nahezu rechteckigen Buckel, der mit dem starken, überproportional langen Hals verschmilzt. Die massive gewölbte Brustpartie geht in einen gelängten Rumpf über, der sich geschwungen zu einem halbkugelig gestalteten Hinterleib verbreitert. Der Schwanz ist als Relief auf den Körper aufgelegt, wie auch die stilisierte Wamme, die sich als schmaler vertikaler Streifen über Hals und Brust zieht. Die nach innen gewölbte Bauchlinie geht in kurze Beine über. Die kürzeren Hinterläufe sind gerade, die Vorderläufe sind nach vorn gegen den Boden gestemmt. Sie verleihen dem Tier in Verbindung mit dem nach hinten gestreckten Hinterteil und der beeindruckenden Brust-Nackenpartie einen expressiven Ausdruck von Spannung und Stärke.
Der schmale Schädel ist stark stilisiert. Er wird von zwei weitausladenden geschwungenen Hörnern bekrönt. Unterhalb der Hörner sind schmale, vorn abgerundete Ohren mit je einer Durchbohrung angesetzt. Der Schädel und das daraus hervorgehende Maul sind zu einem Gießschnabel umgeformt. Anstelle der Stirn befindet sich eine ovale Einfüll- und Ausgussöffnung.
Stiergefäße dieser Art sind als Amlash-Stiere bekannt. Sie tauchen 1959 das erste Mal unter dieser Bezeichnung als Funde aus dem Amlash-Gebiet in der Provinz Gilan am Südufer des Kaspischen Meeres in Nordiran auf. Eines der ersten Gefäße dieser Art wurde am 18. Mai 1960 auf einer Auktion im Hotel Drouot in Paris veräußert. Eine größere Anzahl dieser Stiere wurde in der Nekropole von Marlik Tepe entdeckt, die von der Eisenzeit I bis zur Eisenzeit II belegt wurde.
Sie werden daher in eine Zeitspanne zwischen 1100 und 800 v. Chr. datiert. Alle Stiere sind in gleichem Stil mit massivem Hals und großem Buckel gefertigt, wobei der Buckel verschiedene Formen annehmen kann. Auch die mächtigen Hörner variieren von halbkreisförmig gebogen über gerade aufragend bis nach vorn oder hinten geschwungen. Bei einigen Exemplaren haben sich die Ohrringe aus Golddraht erhalten.
Der expressive Stil, der auch das vorliegende Gefäß charakterisiert, findet sich aber nicht nur bei den stierförmigen Gießgefäßen, sondern auch bei den anderen Zebustatuetten aus Ton und Bronze. Er findet sich darüber hinaus auch bei den anderen zoomorphen Gießgefäßen dieser Art, die oft die Form eines Hirsches, seltener die eines Widders, einer Ziege, eines Esels, eines Kamels oder eines Pferdes annehmen können. Er bildet damit ein Charakteristikum früher eisenzeitlicher iranischer Kunst.
Neben der abstrahierenden Körpergestaltung teilen alle diese Tiere die Ausformung des Maules in Form eines Schnabels. Diese Ausgussform wiederum gehört zu den ganz typischen Elementen eisenzeitlicher Gießgefäße in Nordiran und auf dem iranischen Hochplateau. Die Schnabelkannen mit ihren langen offenen Ausgüssen gehören zu den charakteristischsten Hinterlassenschaften der seit der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. in Iran einwandernden eisenzeitlichen iranischen Stämme.
Die Bedeutung und Funktion solcher zoomorphen Gießgefäße wird unterschiedlich interpretiert. Die Deutung reicht von der einfachen Grabbeigabe über kultische Libationsgefäße (Gefäße für ein Trankopfer) bis hin zur symbolischen Darstellung des Tieropfers. Die Verzierung mit goldenen Ohrringen, die wir auch von den zeitgleich entstandenen antropomorphen Libationsgefäßen aus der Region kennen, verweist allerdings auf eine mögliche mythologische Deutung. Am ehesten nähert man sich ihr, zieht man die semantische Doppelbedeutung des Huftieres als kraftvolles Tier wie als zoomorphe Erscheinungsform des heldenhaften Mannes heran: Das Huftier, das gleichzeitig mit einem Gefäß verschmilzt, verkörperte damit die Erscheinungsform eines Mannes, der ein Schnabelgefäß trägt, ein Sujet, das aus dem Gilangebiet und den angrenzenden Regionen bis hin nach Luristan sehr gut bekannt ist: In Form von Terrakottafiguren nackter Männer mit betontem Genital und Ohrringen, die ein Ausgussgefäß mit langem Schnabel vor der Brust tragen.